Tatsächlich werden die meisten pädagogischen Tage, zu denen ich eingeladen werde, von Lehrpersonen initiiert und/oder organisiert, die selbst ein besonderes Interesse an diesem Thema haben, sei es durch die ADHS ihres Kindes/ihrer Kinder, ihres Partners, einer verwandten Person oder durch ihre eigene (vermutete oder diagnostizierte) ADHS. So melden mir regelmäßig Teilnehmer*innen zurück, dass sie nicht nur beruflich, sondern auch privat sehr von meiner Fortbildung profitiert haben. Das wundert mich überhaupt nicht, denn gerade in sozialen Berufen wie dem Lehrberuf tummeln sich Menschen mit ADHS. Und gerade diese Menschen sehen die Notwendigkeit, auf betroffene Kinder und Jugendliche aufmerksam zu machen und das Kollegium zu sensibilisieren.
Was treibt Menschen mit ADHS eigentlich in den Lehrberuf?
Menschen mit ADHS haben aufgrund ihrer Reizoffenheit in der Regel sehr feine Antennen und eine ausgeprägte Sensibilität und Empathie, was sie für einen sozialen Beruf prädestiniert. Eine häufig ausgeprägte Hilfsbereitschaft und der Spaß am Austausch sind weitere Fähigkeiten, die sie geeignet für den Lehrberuf machen. Gerade sehr kommunikative Menschen genießen ihre Rolle als Lehrperson und schaffen es durch ihre eigene Begeisterungsfähigkeit, ihre Schülerinnen und Schüler mitzureißen und zu motivieren und dabei ein tolles Lernklima zu schaffen. Lehrkräfte mit ADHS sind nicht selten besonders kreativ und haben oft besondere Freude daran, immer neue Wege der Wissensvermittlung zu finden.
Es gibt also viele gute Gründe, weshalb Menschen mit ADHS sich für ein Lehramtsstudium entscheiden und ein großer Gewinn für Schulen sind. Da Schule aber nicht nur für Schülerinnen und Schüler mit ADHS ein schwieriges Soziotop ist, sondern eben auch für Erwachsene, leiden viele Lehrkräfte mit ADHS u.a. an den folgenden Aspekten ihres Berufs:
- eine immense Aufgabenfülle
- unglaublich viele Ablenkungen
- viele Gefühle und Stimmungen, mit denen es angemessen umzugehen gilt
- ein häufig extrem hoher Geräuschpegel
- Jede Menge Aufgaben, die es zu planen, priorisieren und strukturieren gilt
- wenig bis keine Rückzugsmöglichkeiten, keine echten Pausen
- ein starres zeitliches und inhaltliches Korsett
- Unvorhersehbarkeiten/Kontrollverlust
In unserer Selbsthilfegruppe für Erwachsene mit ADHS gab es aufgrund dieser bei ADHS besonders großen Herausforderungen immer überproportional viele Lehrerinnen und Lehrer. Diese schoben oft schon über Jahre und Jahrzehnte ihren Burnout vor sich her – oder steckten schon lange mittendrin, ohne es sich eingestehen zu wollen. Da ich selbst den Belastungen des Lehrberufs nicht dauerhaft standgehalten habe, zumal ich besonders damals auch privat sehr eingespannt war, weiß ich genau, wie es
sich anfühlt, eigentlich nur noch eine Fassade aufrecht zu halten, während das Kartenhaus dahinter schon gefährlich wackelt oder auch sogar schon komplett eingestürzt ist.
Hätte ich damals gewusst, dass ich ADHS habe und wie wichtig es ist, mein Berufsleben dementsprechend anzupassen, wäre ich vermutlich noch heute Lehrerin. Ich halte es daher für extrem wichtig, dass Schulleitungen und Kollegien nicht nur im Umgang mit Schüler*innen mit ADHS sensibilisiert und geschult werden, sondern dass auch die psychische Gesundheit der Kolleginnen und Kollegen in den Vordergrund rückt. Denn nur, wenn es uns Lehrpersonen gut geht, sind wir den Anforderungen dieses unglaublich fordernden Berufes gewachsen.
Viele Lehrpersonen mit ADHS verschweigen jedoch ihre Diagnose vor den Kolleg*innen und vor der Schulleitung. Sie fürchten, dass dann genauer hingesehen werden könnte, ob sie auch alles richtig machen – und dass sie diesem zusätzlichen Druck nicht standhalten können. Sie denken, es könne dann plötzlich deutlicher auffallen, dass sie nicht immer alles im Griff haben. Außerdem haben sie Angst vor Kommentaren, die darauf abzielen könnten, sie würden ihre Diagnose nur als Ausrede für ihre Unzulänglichkeiten benutzen.
Das mag erst einmal verrückt klingen, tatsächlich passieren diese Dinge in der Realität aber überhaupt nicht selten. Man muss erlebt haben, wie die meisten Menschen auf den Satz „Ich habe ADHS.“ reagieren, sobald ein Erwachsener diesen äußert, um zu verstehen, weshalb auch heute noch so viel Scham mit dieser Diagnose einhergeht. Umso wichtiger ist es, dass in eurem Kollegium offen über Neurodivergenz und psychische Gesundheit geredet werden kann und ein unterstützendes Klima herrscht.
Es macht bedeutend mehr Sinn, Lehrpersonen mit ADHS beispielsweise von einer überfordernden organisatorischen Aufgabe zu erlösen, bevor diese krankheitsbedingt langfristig ausfallen und dadurch noch mehr Aufgaben von ihren Kolleg*innen übernommen werden müssen. Für manche Lehrkräfte mit ADHS mag zum Beispiel das Erstellen von Arbeitsmaterial, Klassenarbeiten oder Erwartungshorizonten oder die Planung eines Schulfestes eine willkommene kreative Aufgabe sein, während die Pausenaufsicht im Foyer oder die Begleitung des St. Martins-Zuges sie komplett überfordert. Es macht Sinn, sich darüber auszutauschen. Denn statt von allen das Gleiche zu erwarten, kann es hilfreich sein, zu schauen, wem welche Aufgaben leicht fallen und wem sie unverhältnismäßig viel Kraft kosten.
0 Kommentare