AD(H)S-Expertise für Lehrer:innen: „Was bringt mir das in der Praxis?“

Jul 8, 2023 | 0 Kommentare

Die Herausforderungen, denen Lehrpersonen tagtäglich gegenüberstehen, sind vielfältig und wahnsinnig kräftezehrend. Der Wunsch und die Notwendigkeit, individuell auf Schüler:innen mit Problemen einzugehen, sind zwar groß, doch in der Realität scheint dies oft gar nicht umsetzbar.

Oder, wie es eine ehemalige Kollegin von mir – nennen wir sie Miriam – formulierte:

„Du, Vera, sei mir nicht böse, dass ich an einer AD(H)S-Fortbildung kein Interesse habe. Mir fehlt dafür echt die Zeit – und auch die Kraft. Ich bin wirklich schon sehr sensibel im Umgang mit Besonderheiten und Störungen bei meinen Schülern, aber ich kann beim besten Willen nicht noch mehr Energie in die störenden Schüler investieren. Dabei bleiben mir ja die anderen Schüler auf der Strecke. Im Moment kommt vieles zusammen. Unter anderem patzige Eltern, die mir sagen, was ich alles noch beachten soll… Ich wüsste auch gar nicht, wie ich die Fortbildungsinhalte umsetzen sollte. Ich bin ja so schon am Limit!“

Natürlich sind Miriams Einschätzung der Lage und ihre Entscheidung, sich nicht intensiver mit dem Thema AD(H)S zu beschäftigen, total verständlich und nachvollziehbar. Wenn ich für etwas riesengroßes Verständnis habe, dann für Überforderung – gerade in diesem Beruf!

Spannend finde ich trotzdem: Ohne sich dessen bewusst zu sein, hat Miriam selbst schon die wichtigsten Gründe genannt, weshalb sich eine solche Fortbildung auch für sie lohnen könnte.

  • 

Mindestens 5% der deutschen Schülerschaft hat die ärztliche Diagnose „AD(H)S“ erhalten. Da die Dunkelziffer sehr hoch liegen dürfte, kann man davon ausgehen, dass im Schnitt bestimmt zwei oder drei Kinder pro Klasse eine ADHS/ADS haben. Unterrichtet man in vielen verschiedenen Klassen, arbeitet man also regelmäßig mit ziemlich vielen betroffenen Schüler:innen. Der Aufwand kommt also doch erstaunlich vielen Kindern zugute!
  • Absolut alle Maßnahmen, die einem Schüler mit AD(H)S helfen, helfen auch Kindern ohne AD(H)S. Die Mitschüler profitieren in jedem Fall!
  • AD(H)S zu (er-)kennen und in die Planung miteinzubeziehen, verbessert das Lernklima nachhaltig. Unterricht kann allen wieder mehr Freude machen!
  • Viele altbewährte Maßnahmen im Umgang mit „schwierigen“ Schülern wirken bei 
 AD(H)S kontraproduktiv. Diese frustrierende Erfahrung kann man auslassen, wenn man weiß, was nicht wirkt – und warum. Das spart Zeit und Energie!
  • Fachliches Wissen über AD(H)S und konkrete sowie leicht umzusetzende Handlungsoptionen entlasten. Das schont Ressourcen!
  • Fundiertes Wissen verändert den Blick auf die betroffenen Kinder und relativiert die Erwartungen. Das nimmt Druck und erhöht die eigene Resilienz!
  • Fachwissen führt zu mehr Selbstsicherheit im Umgang mit betroffenen Kindern und ihren Eltern. Kompetenz stärkt!
  • Die passenden Anlaufstellen und Hilfsangebote für Schüler und Angehörige zu kennen und diese weitervermitteln zu können ist wichtig, denn: Netzwerke stärken und entlasten!
  • Der Umgang mit Eltern von Kindern mit AD(H)S kann besonders herausfordernd und kräftezehrend sein. Auch diese Situationen werden in der Fortbildung und Beratung antizipiert und entschärft. Das spart Ärger!
  • Eltern in die Lage zu versetzen, sinnvolle Hilfe für ihr Kind zu organisieren und es adäquat zu unterstützen kann die familiäre Situation enorm verbessern und letztendlich auch die Zufriedenheit und Leistungsbereitschaft des Kindes erhöhen. Das spürt man auch im Unterricht!
  • Kinder mit AD(H)S sind nicht alle Störenfriede! Viele sind nach außen hin unauffällig, zum Teil sogar überangepasst. Sie können einfach nur ihr Potential nicht entfalten. Ihre AD(H)S wird leider oft nicht erkannt. Lehrpersonen können leicht lernen einen Blick für diese Schüler:innen zu entwickeln und so ein wirklicher „Gamechanger“ im Leben dieser Kinder sein. Solche kleinen Wunder zu bewirken beflügelt!
  • Etwa 80% der Menschen mit AD(H)S leiden unter zum Teil massiven Begleiterkrankungen (Depressionen, Ängste, Süchte etc.), die zu einem großen Teil durch eine frühzeitige Diagnose und einen adäquaten Umgang vermeidbar gewesen wären. Wegzusehen ist also keine Option. 
Lehrpersonen mit AD(H)S-Expertise tragen dazu bei, ADHS zu entstigmatisieren und retten (und das ist keineswegs übertrieben!) damit Menschenleben! 


Ich möchte Lehrer:innen Mut machen, sich für das Thema AD(H)S zu öffnen. Natürlich kostet ein Beratungsgespräch oder eine Fortbildung Zeit, die sowieso immer fehlt. Aber es besteht auch die reelle Chance, dass unser Austausch abwechslungsreich, spannend und erstaunlich lebensnah und praxisorientiert wird! Und dass dein Fazit lautet: „Cool, das war ja mal aufschlussreich!“ oder „Jawoll, jetzt fühle ich mich gewappnet für den Umgang mit Schüler:in XY.“

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