Ich liebe es, wenn diese Worte in meinen Fortbildungen fallen, denn dann krame ich kurz in meiner Kiste und bringe ein Buch zum Vorschein, das wir alle kennen: den „Struwwelpeter“ von Dr. Heinrich Hoffmann aus dem Jahr 1845.
Die Charaktere in diesem Buch illustrieren einige ADHS-asoziierte Verhaltensweisen, wie zum Beispiel die Probleme des „Struwwelpeters“ mit der Körperhygiene, die Wutausbrüche/Meltdowns des jungen Friedrich, das problematische Essverhalten (sensorische Empfindlichkeiten) des Suppenkaspars, die Hyperaktivität des Zappelphillips, das Risk-seeking der kleinen Pyromanin Paulinchen, die Unaufmerksamkeit, die Hans Guck-in-die-Luft zum Verhängnis wurde, und das tragische Bestehen auf der Idee mit dem Regenschirm, die den kleinen Robert seinen ersten und letzten Flug bescherte.
Dieses Buch zeigt zwei Dinge sehr deutlich:
- Es gab schon immer Kinder, die sich auffällig verhielten und die möglicherweise in heutiger Zeit eine Neurodivergenz attestiert bekämen.
- Man versuchte damals auf sehr eindrückliche Weise, ein solches Verhalten mit Schauermärchen, Strenge und heftigen Strafen unter Kontrolle zu bekommen, was vermutlich dazu führte, dass eine etwaige ADHS stark maskiert werden musste. Das heißt, aus panischer Angst vor Strafe versteckten Kinder damals vermutlich häufiger ihre Not. Dadurch verschwanden die Probleme der Kinder natürlich nicht, sondern wurden lediglich nach innen gerichtet.
Abgesehen von der Art und Weise, wie vehement strafend Eltern, Lehrpersonal und die gesamte Gesellschaft auf auffälliges Verhalten reagierten, unterscheiden sich noch viele weitere Aspekte der damaligen Lebenswelt von der Art und Weise, wie Kinder heute aufwachsen. Kinder verbrachten sehr viel weniger Zeit in Kindergarten und Schule (weniger Stunden am Tag, weniger Jahre der Beschulung), ja überhaupt in geschlossenen Räumen. Nachbarkinder verschiedenen Alters spielten miteinander und lernten dabei voneinander. Sie strukturierten selbstständig ihre freie Zeit und planten selbst organisierte Spiele. Es war viel Zeit für Fantasie, Experimente, Gespräche und soziales Lernen in einem nicht überfordernden Umfeld.
Durch viel Bewegung an der frischen Luft hatten hyperaktive Kinder einen Ausgleich und konnten Stress regelmäßig abbauen. Auch die Aufgaben in Haus und Hof, die Kindern mit viel größerer Selbstverständlichkeit als heute aufgetragen wurden, boten häufig Bewegung und die Möglichkeit, sich zu entwickeln und zu beweisen.
Gehirne von damals waren weder viel Lärm noch der Vielzahl an Informationen und digitalem Input ausgeliefert, die uns heute umgeben. Die Umgebung war insgesamt reizärmer, was gerade neurodivergenten Kindern zu Gute kam.
Schulbildung spielte eine weniger wichtige Rolle im Leben der meisten Menschen. So war es oft völlig in Ordnung, wenn ein Kind nicht akademisch, sondern eher handwerklich oder hauswirtschaftlich begabt war. Schulbildung ging oft nicht weit über das Erlernen des Lesens, Schreibens und Rechnens hinaus. Es blieb den meisten ein volles Jahrzehnt innerhalb eines Systems, in das sie nicht oftmals nicht passen, und der Verlust des Glaubens an sich selbst erspart.
Während also viele Aspekte des täglichen Lebens den Bedürfnissen eines ADHS-Gehirns eher Rechnung trugen, führten andere Aspekte wie zum Beispiel das unmenschliche Sanktionieren kindlichen „Fehlverhaltens“ zu stärkeren Masking-Effekten, die vermutlich bewirkt haben, dass Kinder sich insgesamt angepasster verhielten.
ADHS ist eine überwiegend genetisch bedingte Besonderheit, die nicht erst in den letzten Jahren oder Jahrzehnten entstanden ist. Es gab sie schon immer, und sicherlich hat dies innerhalb der Evolution auch seinen ganz besonderen Sinn. Dass ADHS sichtbarer wird, liegt meines Erachtens daran, dass es diese Diagnose jetzt gibt, und daran, dass sich nicht die Menschen an sich verändert haben, sondern unsere Lebenswirklichkeit – und zwar massiv.
Wenn wir modernen Menschen diese Richtung weiter beibehalten und weiterhin unseren Reizfilter komplett überstrapazieren, während wir unsere Gehirne durchgehend mit Dopamin verwöhnen, wird es immer mehr Menschen geben, die die Kriterien für eine ADHS-Diagnose erfüllen. Es wird allerhöchste Zeit, gegenzusteuern.
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