Wenn hinter auffälligem Verhalten kein ADHS steckt

Wenn hinter auffälligem Verhalten kein ADHS steckt

Häufig werde ich in meinen Fortbildungen gefragt: „Aber nicht jedes auffällige Verhalten ist ja gleich ADHS. Kinder und Jugendliche ohne ADHS, die sich einfach nur so daneben benehmen, brauchen ja einen ganz anderen Umgang. Wie gehe ich denn damit um, wenn ich noch nicht weiß, ob eine ADHS vorliegt?“ Ich mag diese Frage und auch das Unbehagen, das dieses scheinbare Dilemma in unseren Lehrer*innenköpfen auslöst. Warum ich das mag? Naja, ich finde, es zeigt uns sehr deutlich, welche Vorstellung wir NOCH IMMER von Erziehung haben. Es zeigt, dass wir zwar neurodivergenten Schüler*innen entgegenkommen und Verständnis für ihr Verhalten und ihre Schwierigkeiten aufbringen möchten, gleichzeitig aber davon überzeugt sind, dass Zugewandtheit und individuelle Lösungen für ein ganz „normales“ neurotypisches Kind mit Problemen uns in Teufels Küche bringen könnten. Was diese Sorge sehr deutlich zeigt, ist, dass wir irgendwie auch heute noch der Überzeugung sind, dass Kinder, wenn sie nicht irgendeine Störung haben, alle in der Lage sein müssten, dem Unterricht in erwünschter Weise zu folgen. Auch, wenn wir dies sicherlich bestreiten würden, habe ich beim Austausch mit vielen, vielen Schulteams festgestellt, dass wir (manche mehr, manche weniger) nach wie vor vermuten, dass ein vernünftig erzogenes Kind mit genügend Intelligenz und Willenskraft in unserem Unterricht klarkommen müsste – und dass offenbar ein Nichtwollen vorliegt, wenn dem nicht so ist. Diesem Nichtwollen, diesem vermeintlich absichtlichen Fehlverhalten, glauben wir mit „Konsequenz“ zu Leibe rücken zu können. Falsches Lern- oder Sozialverhalten, so fühlen es viele von uns noch heute, muss konsequent geahndet und bewertet, am Besten sinnvoll bestraft werden, damit dem Kind/Jugendlichen bewusst wird, dass er/sie mit dem Verhalten nicht durchkommt. Von einer solchen Klarstellung der Regeln versprechen wir uns weniger Unterrichtsstörungen, ein verbessertes Sozialverhalten, mehr Fleiß und bessere Leistungen. Spoiler alert: Diese Logik, auf der Schimpfen, Strafarbeiten, Striche bei nicht gemachten Hausaufgaben, Einträge ins Klassenbuch, Ampelsysteme & Co. beruhen, bringen uns höchstens ganz kurzfristig einen zweifelhaften Erfolg, der in der zeitweisen Unterwerfung des Kindes/Jugendlichen besteht. Langfristig zerstören jedoch all diese Maßnahmen die vertrauensvolle Beziehung zur Lehrkraft, das Selbstwertgefühl, den Lernwillen und den Willen zur Kooperation des Schülers/der Schülerin. Nicht selten sind diese Herangehensweisen der Grund für Eskalationen, Mobbing, Schulängste, Schulverweigerung, Schulabbrüche und viele weitere Bausteine einer unnötigen Abwärtsspirale. Kinder und Jugendliche mit oder ohne ADHS brauchen Menschlichkeit, Augenhöhe, Sicherheit und Machbarkeit, damit sie sich entwickeln können und einen geeigneten Platz in unserer Gesellschaft finden können. Wir kommen nicht drum herum, unsere eigene Haltung immer wieder zu überprüfen und zu korrigieren, bevor wir die Verantwortung für Disziplinprobleme und mangelnde Motivation bei unseren Schüler*innen oder deren Eltern suchen. Statt Druck von oben brauchen wir Menschen, besonders die jüngeren von uns, Unterstützung auf Augenhöhe. Nur dann können wir unser volles Potential entfalten. Und es ist dabei tatsächlich beinahe egal, ob eine Diagnose vorliegt oder nicht.

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